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Von firnrutschenden Zecken und geschüttelten Flaschen...

Bergsteiggrundkurs im Toten Gebirge 5.06 – 7.06.15



Nach zweieinhalb Stunden Fahrt scheint das erste Etappenziel endlich erreicht. Vom Hinterstoder Parkplatz wird die Tour starten, die nicht nur die zwei höchsten Gipfel vom Toten Gebirge enthält, sondern Ausbildung satt bietet. Nach einer freundlichen Begrüßung und einer Einführung zum richtigen Rucksackpacken beginnt der Aufstieg zum Prielschutzhaus. Der Weg führt zunächst ohne nennbaren Anstieg nahe der krummen Steyr. Ihr glasklares Wasser würde jetzt schon zum Baden einladen, aber keine Zeit, der Zeitplan ist straff und vollgepackt. Entlang der Polsterlucke bieten sich schon die ersten schönen Panoramen auf die angedachten Ziele. Die sengende Mittagssonne erschwert den Aufstieg über die aufgeheizte Südostseite dabei immens und fordert selbst von den Fachübungsleitern Steffi und Rainer einige Schweißperlen. Für eine Abkühlung und kurze Rast lädt nach einer guten Stunde Aufstieg ein kleiner Wasserfall ein. Die Zeit wird gleich genutzt, um über die Gefahren von extremer Hitze zu diskutieren und wie wichtig dabei auch die richtige Tourenplanung ist. Wir entfernen uns von der letzten Wasserstelle weiter hinauf. Ab jetzt deuten nur noch ausgetrocknete Bachbette auf die Namensgebung des Gebirgsstocks hin. Eine halbe Stunde vor dem Prielschutzhaus wird im Schutz der Kieferbäume nochmal der Wasserspeicher ordentlich gefüllt. Um 14 Uhr ist das erste Ziel erreicht und der Aufstieg wird zugleich mit einer zusagenden Hopfenkaltschale auf der Sonnenterrasse belohnt. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht ist die Gruppe nun endlich angekommen.

Mit viel Spaß und Freude lassen die Teilnehmer den Alltagsstress nun links liegen. Nach kurzem Einchecken geht es eine Stunde später weiter Richtung Bloßkogel. Unter schattenspendenden Kiefern befasst man sich zunächst mit dem Thema Materialkunde. Bei der Erkundung von Steffis Rucksack werden die Teilnehmer aufgefordert, sich mit der Materie auseinander zu setzen. Ein Wow Effekt tritt ein, wie groß zum Beispiel schon die Unterschiede im Bereich der Bandschlingen sein können. Währenddessen hat Rainer auch schon am 1540m hohen Bloßkogel alles vorbereitet. Auf dem Zeitplan steht nun das Thema Kartenkunde sowie das Anpeilen von Zielen mit dem Kompass. Zum Schluss stellt Rainer noch eine Denkaufgabe, über die sich die Teilnehmer bis zum Abendessen noch Gedanken machen können. Weiter geht es zu den Übungsklettersteigen nicht weit vom Prielschutzhaus entfernt. Hier befinden sich insgesamt 5 Steige im Bereich von A-B bis C-D, die der Harry Höll, unser Hüttenwirt, mit Leidenschaft angelegt hat. Dabei geht es zunächst um das Ein- und Umhängen im Auf- und Abstieg sowie das Begehen im richtigen Abstand. Darauf folgen Tipps, wie man ohne großen Kraftaufwand auch schwierigere Passagen überwindet. Nach zwei Durchstiegen geht es dann zum wohlverdienten Abendessen zurück zur Hütte.

Mit gefüllten Mägen wird nun nochmal eine Einführung in die Tourenplanung vorgestellt sowie das Arbeiten mit Karte und Planzeiger erläutert. In Zusammenarbeit wird die Tour für den nächsten Tag geplant – das Ziel wird die 2446m hohe Spitzmauer sein. Im Anschluss werden noch die gepeilten Gipfel vermessen sowie das Rätsel via. Rückwärts Einschneiden aufgelöst. Gelassen endet der Tag nun bei einem Plausch und ganz viel Gelächter.

 

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Wir nehmen Peilung auf!

 

Nach einer erholsamen und erstaunlich ruhigen Nacht startet der nächste Tag mit einem reichhaltigen Frühstücksbuffet. In geselliger Runde wächst langsam das Gefühl, als kenne man sich schon ewig. Den Oberpfälzern wird ja eigentlich nachgesagt, dass sie sich gegenseitig oft anschweigen oder nur mit wenigen einzelnen Lauten verständigen würden, was hier keineswegs der Fall ist. Vielleicht wächst ja auch daraus die Annahme des Wirts, dass er es mit Nürnbergern zu tun hat? Gut gestärkt für den Tag geht es bei wolkenlosem Himmel zunächst Richtung Klinserscharte. Es müssen nun erste Altschneefelder durchquert werden. Hier zeigt Rainer sehr anschaulich, wie man sich richtig im Firn bewegt und Spuren anlegt. Weiter geht es im weglosen Gelände, was sehr viel Konzentration erfordert, um die Nachsteiger nicht zu gefährden.

 

 6060178pano BS GKSonnenaufgang am Prielschutzhaus

 

So gegen 10 Uhr erreichen wir den ersten Checkpoint nach kurzem Suchen, was zugleich der Einstieg für den Stodertaler Klettersteig ist. Nach kurzer Rast und anlegen des Klettersteigsets folgt das Highlight für den Großteil der Kursteilnehmer. Nach etwa 200 hm ist um halb zwölf auch schon wieder jeder oben ausgestiegen. Es folgt eine Lektion aus dem echten Leben, als sich ein Teilnehmerrucksack entschließt, sich von innen mit Sonnencreme zu konservieren. „Mann“ lernt nie aus. Von hier geht es nach kurzer Verschnaufpause weiter auf die Spitzmauer. Der Weg ist zunehmend verblockt, ab jetzt müssen die Schritte sauber sitzen. Nach einer ¾ Stunde ist der Gipfel endlich erklommen. Berg Heil! Rainer lädt nun zur Gipfelschau. Die Sicht ist gut, so kann man ohne große Probleme auch die Dachsteingruppe noch gut erkennen. Schnell noch ein Eintrag ins Gipfelbuch und ein Foto dann geht’s wieder zurück. Obwohl nach der Planung noch ein Puffer von einer Stunde besteht, wird vor dem Abstieg über den Maisenbergsattel nur eine kurze Rast gemacht. Auch das Einteilen der mitgenommenen Getränke scheint für den einen oder anderen eine noch nicht erlernte Kunst zu sein, deswegen bleibt wohl nichts anderes übrig als Altschnee mit in die Wasserreste zu schütteln.

 

 6060253BS GKAufi geht ́s am Stodertaler Steig

 

Während der Umrundung des Weitgrubenkopfs ist Steffi auf der Suche nach einem geeigneten Firnfeld und wird auch alsbald fündig. In voller Regenmontur wird einem da dann schon ganz schön warm und auch das Stufenschlagen und Anlegen des Aufstiegswegs zollt doch einige Schweißperlen. Am Tagesordnungspunkt steht nun das Abfangen von Stürzen im Firn. Dass wir einen blinden Passagier dabei haben wissen wir zu dem Zeitpunkt noch nicht, dazu aber gleich mehr. Zunächst wird ein Umfallen mit den Füßen voraus simuliert, dann mit dem Kopf voraus am Bauch und am Rücken. Das macht nicht nur Spaß und hebt den Adrenalinspiegel, sondern rettet im Ernstfall auch Leben durch richtige und schnelle Koordination. Zum Ende der Übung war dann auch eine ordentliche Rodelbahn bereitet, die ein paar Mitstreiter mit ordentlich Speed am Schluss nochmal so richtig abfuhren. Nach der Übung nun endlich wieder raus aus der Regenkleidung, aber was ist das? Eine Zecke? Mittlerweile ist man wohl von den Viechern nicht mal mehr über 2000m verschont.

Aber was sich der wohl beim Abrutschen im Firn gedacht hat?! Hm... Mit der Pinzette ist das Problem und der Zecke schnell wieder gelöst. Noch eine kurze Inspektion und es geht weiter bergab durch die Klinserschlucht, sodass wir ohne Probleme in der kalkulierten Zeit gegen 17.30 die Unterkunft erreichen. Nach einer Dusche und dem Abendessen ist heute nochmals Tourenplanung angesagt. Diesmal wird das Ganze verfeinert indem mit einer Wegetabelle kalkuliert wird. Da für den nächsten Tag schon Gewitter gemeldet werden, sind die Checkpoints vor allem für die Durchführung der Tour sehr wichtig. Passt die Zeit? Schlägt das Wetter um? Müssen wir vor dem Gipfel umkehren? Nach einem kurzen Revue passieren des Tages und einer weiteren Aufklärung über Alpine Gefahren endet auch dieser Tag mit einem süffigen Weißbier und in lustiger Runde.

 


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Ganz entspannt auf der Spitzmauer

 

Am nächsten Morgen hat die Bewölkung am Himmel schon etwas zugelegt. Eigentlich sind darüber alle ganz froh, dass es etwas schattiger wird. Aber vor allem Vormittags ist es noch richtig schwül, was wohl nur geringfügig angenehmer ist, als die Hitze an den Vortagen. Nach 20 Minuten Gehzeit ist der erste Checkpoint - eine Weggabelung - erreicht, 5 Minuten früher als eigentlich geplant. In gleichem Tempo geht es weiter Richtung Brotfallscharte. Bei den ersten Firnfeldern kommt es dann schon zu Verzögerungen. Ein Mitstreiter hat auf einmal einen totalen Leistungseinbruch. Als er innerhalb von kürzester Zeit mehrmals pausieren muss und zudem anmahnte, dass ihm kalt sei, trifft Rainer die einzige richtige Entscheidung, mit ihm wieder abzusteigen. Auch Umkehren gehört zum Alpinismus dazu. Hätte man nur einen Kursleiter dabei, wäre hier auch der Umkehrpunkt für die restlichen Bergsteiger.

 

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Am Grat entlang zum Großen Priel

 

So geht es nun zu siebt weiter über ein ca. 30 Grad steiles Altschneefeld hinauf. Das Stufenschlagen kostet jetzt nochmal einiges an Kraftaufwand bevor der versicherte Steig unterhalb der Brotfallscharte erreicht wird. Von dort sind es nur noch ca. 10 Minuten über einen etwas ausgesetzteren Steig, der wohl extra für den Winter etwas höher angelegt wurde. Trotz den kurzen Verzögerungen ist der 2. Checkpoint auch 20 Minuten früher als geplant erreicht. Während der angepeilte Gipfel kaum noch ersichtlich ist, liegt der Almtaler Kopf in einem Wahnsinns Licht vor den Füßen. Der Grat zum Großen Priel verschwindet nun immer mehr im Nebel. Anzeichen eines Wetterumschwungs sind aber nicht erkennbar. Die letzten 45 Minuten über verblocktes Gelände sind nur noch eine Formalität. Die Vorfreude auf das Ziel trägt die Gruppe ohne größere Anstrengung bis zum 2515m hohen Großen Priel, der höchsten Erhebung dieses Gebirgsstocks. Trotz fehlender Weitsicht ist dieser „G7 Gipfel“ bestens gelaunt. Nach einer kleinen Brotzeit zum Stärken und einem Gipfelfoto - geschüttelt, nicht gerührt - geht’s auch schon wieder Richtung Brotfall.

Für den Abstieg des versicherten Steigs bietet Steffi dann eine Sicherung mittels Seil und HMS an, was auch dankend angenommen wird. Unterhalb des Steigs folgt dann auch gleich die nächste Praxisaufgabe, das Abseilen an einem Fixseil im Steilen Firn wird von den Teilnehmern bravourös gemeistert. Der weitere Abstieg im Altschneefeld erweist sich als problemlos, schnell sind 400 Höhenmeter teils abgleitend, teils joggend überwunden. Ab hier geht es über den Aufstiegsweg wieder hinab zum Prielschutzhaus. Da der Gesamtabstieg heute fast 2000hm beträgt, haben sich alle entschlossen die Rucksäcke von der Hütte mit der Materialseilbahn nach unten transportieren zu lassen. Diese Entscheidung spart nicht nur Zeit, auch die Gelenke werden es danken. Nach drei Tagen Sonne satt in den Bergen geht es nach einer kurzen Erfrischung und Verabschiedung vom Hüttenwirt auf den Rückweg nach Hinterstoder. Um 18.00 Uhr ist es dann geschafft und die Gruppe vereint sich wieder auf dem Parkplatz. Im Biergarten der Dorfstuben Hinterstoder folgt das Abschlussgespräch mit kulinarischer Untermalung. Der angesetzte Lerninhalt konnte komplett vermittelt werden, was in drei Tagen nicht ganz einfach ist. Das Fazit der Gruppe dazu heißt „Hart aber gut!“ Ein großes Lob gilt unseren beiden Fachübungsleitern Rainer Knill und Steffi Berghofer, die sich hervorragend ergänzen. Während Rainer mit der Jahrzehnte langen Erfahrung glänzt punktet Steffi vor allem in der Vermittlung von der aktuellen Lehrmeinung. Mit breitem Grinsen im Gesicht und vollgefülltem Vitamin D Speicher, aber auch ein bisschen Wehmut verabschiedet sich die Mannschaft, bevor es gilt, den Heimweg anzutreten.

 

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Ein Bericht von Thomas Kellermann