Hütte im Schnee | © Manuel Höllering

Berge in Bewegung

Rund um die Neue Regensburger Hütte

01.02.2026

Der Permafrost taut, die Gletscher gehen zurück, die Berge werden instabiler. Gletscher sind teils so weit geschmolzen, dass Übergänge nicht mehr möglich sind oder nur mehr unter sehr hoher Steinschlaggefahr. Bricht ein Gletscher ab, entsteht Toteis, das abschmilzt und oft glatte Steinflächen freilegt, die nur schwer begehbar sind. Bergsteigen – quo vadis? Wir haben uns mit Christoph Stern, Bergführer bei Stubai Alpin, Christian Tomaselli, Hüttenwirt der Neuen Regensburger Hütte, und Stefan Nargang, dem Ausbildungsreferenten der Sektion, darüber unterhalten.

Jahres- und tageszeitliche Unterschiede
„Das Risiko besser kalkulieren kann man, indem man Bereiche meidet, die objektiv stark von Stein- und Eisschlag gefährdet sind“, empfiehlt Christoph Stern. Und wenn man sich doch in dieser Hinsicht exponiert, sollte man die jahres- und tageszeitlichen Bedingungen berücksichtigen. Im Hochgebirge liegt im Juni, wenn die Hütten aufsperren, meist noch relativ viel Schnee. „So können Übergänge oder Aufstiege durch Couloirs noch gut machbar sein, während sie im Hochsommer einem Himmelfahrtskommando gleichen“, so Christoph. Auch Stefan Nargang beobachtet: „Die Hochtouren-Saison verschiebt sich – heute startet man früher in die Saison, im Mai oder Juni, weil im August der Schnee bereits weitestgehend abgetaut ist.“ Und ergänzt: „Auch sollte man steinschlagkritische Bereiche nicht erst am Nachmittag betreten, sondern am besten ganz in der Früh, wenn der Boden noch gefroren
ist.“ Für die Trainings der Mitglieder in Ausbildung nutzen Stefan und seine Hochtourentrainer gerade die Phase im August und September mit den anspruchsvolleren Verhältnissen, weil sie die Teilnehmenden auf besondere Ereignisse vorbereiten wollen und nicht nur auf die Hochtour unter perfekten Konditionen.

Sorgfältige Planung und Vorbereitung
Was fasziniert eigentlich an den hohen Bergen? „Überspitzt gesagt, liegt der Reiz im Unbequemen. Um auf die hohen Berge zu kommen, muss man oft Strapazen auf sich nehmen, die so genannte „Komfortzone“ verlassen. Durch diese Überwindungen nimmt man Erlebnisse intensiv wahr“, so Christoph. Ein weiterer Reiz liege auch darin, dass viele Hochtouren komplette bergsteigerische Fähigkeiten voraussetzen. Die Vorbereitung auf Hochtouren setzt zudem eine gute Einschätzung der Bedingungen voraus. Man benötigt Informationen zu den Verhältnissen vor Ort, die man am besten von den örtlichen Bergführern oder Hüttenwirten bekommt. Zusätzlich empfehlen sich kostenlose Wetter-Apps, digitale Karten-Apps (wie alpenvereinaktiv), Webcams oder Wetterstationen, auf die man zugreifen kann.


Stubaital: Routen verändern sich
„Gewisse Hochtouren sind sicherlich riskanter als früher“, schätzt Christoph Stern die Lage im Stubaital ein. Das Zuckerhütl ist mit 3.507 m der höchste Berg der Stubaier Alpen und war bis vor wenigen Jahren bis zum Gipfel über eine steile Eisflanke erreichbar. Die immer-weiße Gipfelkappe war namensgebend für den Berg. Nun ist das Eis so weit verschwunden, dass der Gipfel im Sommer nicht mehr über Eis, sondern über steiles, loses Gestein erreichbar ist, mit sehr hohem Steinschlagrisiko. „Wir Bergführer im Stubaital haben uns deshalb entschieden, den Hauptgipfel im Sommer nicht mehr zu führen, stattdessen begleiten wir unsere Gäste bereits seit fünf Jahren auf den Westgipfel, die Pfaffenschneide – was sehr gut angenommen wird.“ Ähnlich verhält es sich mit der Ruderhofspitze. Die Route von der Neuen Regensburger Hütte über die vereiste Nordflanke war bis vor wenigen Jahren wunderbar zu machen, erinnert sich Ausbildungsreferent Stefan. Der Hochmoosferner hat in den letzten Jahren sehr viel an Masse verloren, so dass die Route über die Nordflanke nicht mehr zu empfehlen ist. Eine Ersatzroute über die Grawagrubennieder und den Gratverlauf von der Gamsspitze zur Ruderhofspitze ist laut Christoph angedacht.

Neue Möglichkeiten rund um die Neue Regensburger Hütte
Lokale Bergführer sind ständig bemüht lohnende und sicherere Alternativen zu suchen und zu finden. Christian Tomaselli, Hüttenwirt auf der Neuen Regensburger Hütte, berichtet: „Die Berge verändern sich, wie das Video der Kräulspitze zeigt, in der im Sommer häufig Gerölllawinen abgehen. Die Umgebung der Neuen Regensburger Hütte bietet aber weiterhin tolle Möglichkeiten, sich hochalpin zu bewegen. Zum Beispiel wurden zwei neue, tolle Klettertouren auf die Hintere sowie Vordere Plattenspitze eingerichtet – diese bieten sich perfekt zur Vorbereitung für Touren in den Westalpen an, was den Umgang mit dem Seil, das Bewegen im Blockgelände sowie am
Gletscher anbelangt. In Verbindung mit der geplanten Route auf die Ruderhofspitze bilden diese Unternehmungen durchaus spannende und fordernde Touren und es wird einem nicht langweilig.“

Gletscher im Stubaital – die Zukunft

„Die Gletscher werden weiter zurückgehen und auch komplett verschwinden“, erwarten Christoph, Stefan und Christian. Manche Hochtouren werden nicht mehr sinnvoll machbar sein. Das bedeutet für Christoph, auch einen Blick auf die Seite oder nach unten zuzulassen – es müssen nicht immer nur die höchsten Berge sein: „Wir haben wunderschöne Berge unter 3.000 m, die nicht überlaufen sind, die eine einzigartige Vegetation aufweisen, an der man sich erfreuen kann.“ Für die sportlich Ambitionierten kann das auch bedeuten, neue Sportarten auszuprobieren: Klettersteige oder Klettern an festen Felswänden. Stefan Nargang ergänzt: „Man erkennt jetzt schon stellenweise deutliche Veränderungen. Routen werden, wenn möglich, versucht zu verlagern. Aber diese Veränderungen bieten vor allem auch den Bergwanderern etwas Positives: So mancher 3.000er ist inzwischen ganz ohne Passagen mit Eis oder Schnee bis zum Gipfel wanderbar.“ Und es werden wohl immer mehr.

Ansprechpartner: 

Christoph Stern
ist 36 Jahre und kommt aus Neustift im Stubaital. Seit 2017 ist er staatlich geprüfter Berg- und Skiführer und erlebt die Bewegung der Berge seiner Heimat hautnah. Im Sommer 2026 führt er zwei Hochtourenkurse für die Sektion durch. www.stubai-alpin.com

Stefan Nargang
ist im Vorstand für den Bereich Bergsport zuständig und seit fast 15 Jahren Ausbildungsreferent der Sektion. Der Vater von vier Töchtern liebt die Herausforderungen, die gerade die hohen Berge bieten.

Christian Tomaselli
bewirtet seit 2023 die Gäste der Neuen Regensburger Hütte mit rein vegetarischer Küche und regionalen Produkten. Der 46-jährige Tiroler genießt mit seiner Frau Angelika und seinen beiden Töchtern die Sommer in der spektakulären Landschaft um unsere bald 100 Jahre alte Hütte.

Monika Trojer Fotos: Christoph Stern, Simon Baensch