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Ende Juli ging es wieder in die hohen Berge unserer Alpen. Kurzfristig auf drei Teilnehmer reduziert, brachen wir in die westlichen Ötztaler Alpen auf.

Coronabedingt mussten wir auch für diese Tour flexibel sein, da Brandenburgerhaus und Rauhekopfhütte diesen Sommer geschlossen blieben. So starteten wir unsere Tour am Gepatschhaus im hinteren Kaunertal. Schon beim Abendessen auf der Terasse konnten wir die ersten Blicke auf den Gepatschferner erhaschen.

Am nächsten Tag wollten wir die Weißseespitze besteigen. Wir fuhren über die Kaunertaler Gletscherstraße zum Weißseeferner hoch. Das Skigebiet und auch die Ausaperung der Nordwand erschreckten uns etwas. Aber als wir im Sattel der Falginjochbahn ankamen war das schnell vergessen. Der Westgrat wartete mit einer abwechslungsreichen Kraxelei mit interessanten Tief- und Weitblicken auf, aber ohne zu große Schwierigkeiten. 100

Erst am weißen Firn der Weißseespitze – daher also der Name - musste das Seil aus dem Rucksack. Das war kein Fehler, erfuhren wir doch im Gipfelgespräch vom Spalteneinbruch einer anderen Seilschaft. Die Ausblicke auf die Weiten des Gepaschtferners und die Riesen der Ötztaler Alpen ließen alle Strapazen schnell vergessen. 

Für den Abstieg wählten wir den Weg über den Gletscher weiter nach Westen. Südlich am Zahn vorbei ging es mit überraschenden Steilpassagen zum Nördergrat. Hier mussten wir unsere Trittsicherheit unter Beweis stellen, aber ohne zu große Steine loszutreten meisterten wir den Abstieg zum Weißseeferner und dem Parkplatz.

Auf der Rückfahrt konnten wir noch tolle Ausblicke auf die im Kaunertal bekannten Blockgletscher werfen – leider die einzigen, die hier noch am Wachsen sind.

   

Am folgenden Tag war Hüttenwechsel angesagt. Wir packten unsere sieben Sachen, um den Glockturmkamm zu überqueren. Wir stiegen über das Riffltal auf. Schnell machten wir unser Ziel aus, den Glockturm.

Doch die Wegbeschreibung konnten wir mit der Umgebung nicht in Übereinstimmung bringen. Nach längeren Diskussionen stellten wir fest, dass das kleine weiße Feld vor uns wohl der Rest des Gletschers ist. Vielleicht sind gedruckte Wegbeschreibungen nicht mehr wirklich zeitgemäß, aber jetzt war auch der Weiterweg klar. Wir fanden eine schöne Route durch das Blockgelände der Südost-Flanke und standen bald auf dem Glockturm. Jetzt konnten wir auch endlich mal den westlichen Rand der Ötztaler ausmachen. Nach einer Rast, bei der uns ein edler Spender auch wieder mit einem Gipfelschnapserl aushalf, stiegen wir über den Nordgrat ab. Für den Abstieg über den Hüttekarferner mussten auch die Steigeisen nochmal raus, für die Blockgletscher im Hüttekar durften sie aber wieder in den Rucksack.

Die Touren der letzten Tage steckten uns in den Beinen, so dass wir uns für unseren Ruhetag den Wildnöderer aussuchten. Für die kleine Wanderung nahmen wir nur leichtes Gepäck mit. Schnell fanden wir auch eine Abkürzung über den Ostgipfel. Eigentlich offensichtlich, und dennoch nicht in der Karte eingezeichnet. Komisch könnte man meinen. Aber auch der Aufstieg über den Südwestgrat war spannend.

Nach unserem Ruhetag verließ uns auch das bislang traumhafte Wetter. Noch frohen Mutes stiegen wir zum Kaiserjoch auf. Die tiefer drückenden Wolken überzeugten uns aber, dass auch ein Rudel Steinböcke ein echtes alpines Highlight sind und wir gar nicht mehr bis zu einem Gipfel weiter müssen. Über das Kaisertal ging es zurück zum Gepatschhaus.

   

Wieder einmal konnten wir eine neue Ecke der Alpen entdecken und schöne Tourentage erleben; mit ein bisschen Flexibilität geht eben immer a bisserl was.

Roland Schulz, Januar 2021