Anmarsch | © Thomas Schmidmeier

Hochtouren-Abenteuer im Zillertal

Ein eisiger Tanz auf nassem Felsen

20.06.2026

Das Prasseln des Regens auf das Dach der Plauener Hütte (2.364 m) hielt noch lange an, nachdem alle schon in ihren Betten lagen. Ein gewaltiges Gewitter entlud sich über den Zillertaler Alpen, blitzartig erhellte es die kargen Felswände und schüttete ergiebige Wassermengen herab. 

Als der Wecker in der Früh klingelte, hatte sich das Unwetter verzogen und der Himmel war wieder leuchtend blau. Nach einem recht gemütlichen Frühstück – die Tour war eher kurz beschrieben- brachen wir auf. 

Schon beim Erreichen der ersten Altschneefelder unterhalb der Gamsscharte zeigte sich die Quittung des nächtlichen Regens: Der Schnee war komplett aufgeweicht. Steigeisen hätten hier nichts genutzt, statt kompakt und tragfähig brachen wir Schritt für Schritt ein – erst bis zu den Knien, manchmal auch bis zur Hüfte. Das Vorankommen fraß enorm viel Kraft, bald waren Schuhe und Strümpfe aufgeweicht. 

Mit nassen Füßen erreichten wir den Einstieg zum Klettersteig, der hinauf zur Richterspitze führt. Doch hier wartete die nächste Herausforderung. Die Bedingungen waren alles andere als optimal: Der Fels war klitschnass und rutschig, schlimmer noch waren die Spuren des vergangenen Winters. Die Wucht von Steinschlag hatte die eisernen Bügel und Verankerungen des Klettersteigs teilweise brutal nach unten gebogen oder komplett herausgebrochen. Mit nassen Bergschuhen und klammen Fingern hieß es nun, höchste Konzentration zu bewahren. Jeder Tritt musste dreimal geprüft werden, da der Halt auf dem glatten Eisen und dem feuchten Untergrund minimal war. Als das Ende des Klettersteiges erreicht war, ging die freie Kletterei los. 

Das für diese Region typische Granitgneis-Gestein war vom Winter durch Verwitterung und den Frostaufbruch extrem brüchig und locker. Wir mussten höllisch aufpassen um nichts loszutreten bzw. abzurutschen. Lose Blöcke mussten vorsichtig umklettert werden, um die Nachfolgenden nicht zu gefährden. Obwohl die Kletterei hier nur im I. Schwierigkeitsgrad zu bewältigen war, forderte sie doch mental.  

Meter für Meter arbeiteten wir uns nach oben, bis wir schließlich den Gipfelgrat der Richterspitze erreichten.  

Der Abstieg zurück zur Plauener Hütte forderte noch einmal volle Aufmerksamkeit, doch wohlbehalten erreichten wir nach 5,5 Stunden die heimelige Hütte. 

Der nächste Tag hatte dann noch eine Steigerung zu bieten: Die Wildgerlosspitze (3.280 m)

Der Tag begann früh: Um 4:40 Uhr klingelte der Wecker, ein kurzes Thermofrühstück folgte, und um 5:30 Uhr starteten wir von der Hütte zur Wildgerlosspitze. Unser Ziel war der von weitem gut erkennbare Südgrat.

Bereits gegen 6:00 Uhr erreichten wir die ersten Schneefelder. Der Firn war weich, stellenweise sanken wir tief ein, dennoch kamen wir insgesamt zügig voran. Angeseilt überquerten wir den verschneiten Gletscher und gelangten zum Einstieg des Grates.

Die ersten Meter führten über moderat geneigte Platten und festen Granit – eine abwechslungsreiche Kletterei, die jedoch eine sorgfältige Wegfindung verlangte. Mehrfach stellten sich die klassischen Fragen: links um den Gendarmen, rechts vorbei oder direkt darüber? Die Schwierigkeiten bewegen sich überwiegend im II. Grad, mit einigen kurzen Passagen im III. Grad.

Die Schlüsselstelle, eine glatte 3er‑Platte, sowie die letzten Meter zum Gipfel sicherten wir, den restlichen Grat gingen wir frei. Insgesamt ist die Route nur mäßig ausgesetzt, dennoch forderten einzelne exponierte Stellen mental deutlich.

Am Gipfel belohnten uns eine eindrucksvolle Aussicht und die verdiente Brotzeit. Der Tiefblick auf die Gletscherreste und die umliegenden Zillertaler Riesen belohnte uns für die Strapazen. Die nassen Füße und die brennenden Muskeln waren für einen Moment vergessen.

Trotzdem war der Adrenalinpegel spürbar nicht abgebaut, denn der Abstieg über den Grat stand noch bevor! Auf dem Rückweg zur Plauener Hütte war unsere Aufmerksamkeit noch einmal voll gefordert.

Der Rückweg über den meist festen, trockenen Granit gelang gut. An drei Stellen fanden wir jedoch keine sichere Abstiegslösung und entschieden uns fürs Abseilen. Eine vorhandene Bandschlinge mit Maillon erleichterte die erste Stelle; für die beiden weiteren mussten wir zwei eigene Schlingen und zwei Karabiner zurücklassen. Nach 9½ Stunden erreichten wir wieder die Hütte und feierten einen gelungenen Gipfeltag.  

Josef Kammermeier und Andrea Leopold