Zu sechst stiegen wir zur Amberger Hütte auf und kamen rechtzeitig zur Kaffeezeit an. Nach ausgiebiger Stärkung packten wir vor dem Abendessen noch unsere Ausrüstung aus und spielten /wiederholten uns im Standplatzbau, Seilhandling und Abseilen.
Etwas verwundert nahmen wir die Bemerkung der Hüttenwirtin auf, die uns empfahl spätestens um vier Uhr zu starten da die Tour gut 14 Stunden dauern würde. Wurde die Tour doch in unserem Lieblingsportal mit unter 10 Stunden beschrieben.
Zu früh klingelte der Wecker und nach einem kargen Frühstück marschierten wir um fünf Uhr los. Noch im Automatikprogramm ging es durch den flachen Talboden des Sulztals. Nach dem ersten Anstieg wurde es hell und die ersten Sonnenstrahlen beleuchteten gleich unser Tagesziel. Am Sulztalferner wechselten wir auf Steigeisen, was den Aufstieg am aperen Gletscher deutlich erleichterte.
An der Nordseite des Grats diskutierten wir dann etwas, bis wir den leichtesten Aufstieg durch die zum Teil lose Felsflanke fanden und am Einstieg der Tour standen.
Nach kurzer Pause, Anlegen der Ausrüstung und erstem Fotoshooting ging es gut viereinhalb Stunden nach Aufbruch los mit der Kletterei. Das erste Stück war nicht zu schwierig und wir ließen das Seil noch im Rucksack.
Nach einem kurzen Reitgrat kamen wir zur ersten IIIer Stelle, die wir sicherten. Das Seil durfte danach noch einmal kurz weg, aber ab dem ersten markanten und ausgesetztem Gandarm sicherten wir durch bis zum Gipfel.
Die Tour wurde stetig luftiger und das Gefühl der Ausgesetztheit steigerte sich zum Schluss hin mehr und mehr. Die Hinweise in der Topo wie „luftig“ oder „scharfer Grat“ stimmten definitiv und wir erkannten auch die Grundbedeutung von Gratschneide. Nach rund 4,5 Stunden standen wir auf dem Gipfel – drei unabhängige Zweierseilschaften hintereinander sind doch an vielen Stellen zum Warten verdammt.
Am Gipfel ahnten wir schon, dass das mit dem Kuchenbuffet auf der Hütte nichts mehr wird und auch die Abendessenszeit war kaum mehr zu halten. Um keine unnötigen Sorgen zu bereiten gaben wir telefonisch auf der Hütte Bescheid.
Gegen drei Uhr nachmittags begannen wir den Abstieg, und wir lernten schnell, dass es eine Bergtour für sich war. Die Markierungen am Südwestgrat waren kaum mehr zu erkennen und man sollte dem noch manchmal zu findenden Wort Abseilpiste keine Bedeutung mehr schenken. Wir blieben anfangs in der Nordflanke und seilten dabei auch einmal ab. Später folgte eine 30m Abseilfahrt in der Südwestflanke. Begehungsspuren, vereinzelte Steinmännchen und ein paar verblichene rote Punkte führten uns schließlich zu einem Sattel. Dort stiegen wir in eine Rinne ab. Nach einem kurzen bröseligen Verhauer – ein Stein mit roter Markierung war abgebrochen und in eine falsche Rinne gefallen – fanden wir letztendlich die Felsrippe mit den letzten Bohrhaken. Nach einem weiteren Abseilen stiegen wir zum Wilde Leck Ferner ab und begannen den Hatscher zurück zur Hütte, die wir schon gegen acht Uhr erreichten.
Dort bekamen wir einem vielsagenden Blick der Hüttenwirtin aber auch ein sehr leckeres Abendessen. Vollkommen erschöpft fielen wir ins Bett. Das Schnarchen „einzelner“ Bergsteiger störte in dieser Nacht viel weniger als in der Nacht zuvor.
Roland Schulz, August 2024
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